Woche 18 Neapel - revisited

 

Neapel - revisited

 

 

Die virulente Stadt am Mittelmeer war schon 1973, als Andreas Pawlouschek erstmals dort verweilte, nicht gerade für Ruhe und zivilen Frieden bekannt. Daran hat sich bis heute offenbar nur wenig geändert. Selbst die Müllhaufen liegen in den ehemaligen Prachtstrassen der Stadt, als hätten sie das ewige Leben. Und mit der Sicherheit ist es halt so ein merkwürdig Ding. Bereits am ersten Abend seines Aufenthaltes gab AP seine Armbanduhr etwas unsanft in fremde Hände ab. Sie hatte ihn seit den Anfängen seiner Ehe im Jahre 1977 begleitet. Der unfromme Wunsch, sie möge ihrem neuen Besitzer den Dienst verweigern wird wohl kaum erfüllt werden. Es war eine Rolex.

Räuber auf der Flucht. Neapel am 03ten Mai 2011 

 


 

 

Danse macabre....

 

 

Im Kreuzgang der Kartause San Martino, die hoch und wahrlich majestätisch über Neapel thront mit einer traumhafen Aussicht vom Vesuv über den Golf bis nach Ischia, finden sich diese steinernen Totenschädel als Zier einer Ballustrade. In Hamburg wurde dann die Architektur überlistet und ein Konterfei hinzugefügt.

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 Und immer wieder geht die Sonne auf....

 

 

So sang Udo Jürgens vor mehr als vierzig Jahren. Ob er dabei an Neapel dachte ist zweifelhaft. Doch für AP begann der zweite Tag seines Aufenthaltes, als sei nie etwas geschehen. Und auch die Stadt schien von dem Ereignis des Vorabends keinen Schock davon getragen zu haben. Nur ein Hund blickte etwas mitleidig daher - oder liegt es vielleicht an der Rasse?  

 Neapels Krebsgeschwüre

 

Müll & Mafia

 

 

Nirgends wird dem Besucher Neapels der Kontrast zwischen den unendlichen Schönheiten und den abstoßenden Gräßlichkeiten  schmerzvoller bewußt, als auf den Straßen der Stadt. Nase und Augen werden penetriert durch mannshoch aufgetürmte Müllberge, die bereits Anfang Mai vor allem dort bestialisch stanken, wo nicht enge Straßenschluchten die Sonne daran hindern, bis auf das Niveau der Trottoirs vorzudringen. Der Cavaliere, wie Ministerpräsident Berlusconi schmeichelhaft und der Tradition entsprechend genannt wird, versprach während des Kampfes um die Kommunalwahlen erneut, das Militär einzusetzen. Die Wahl verlor er trotzdem an die Sozialisten, deren Versprechungen ähnlich lauten und nun darauf warten, eingelöst zu werden - eine saubere Stadt zu schaffen - nach außen wie nach innen. Selbst wenn es gelingen sollte, den Müll von den Straßen zu schaffen, beseitigt ist er damit noch lange nicht, denn die Mülldeponien und Verbrennungsanlagen sind von der Camorra kontrolliert, dem napoletanischen Krebsgeschwür. Sie erpresst seit Jahren die Kommunen und sitzt beim Problem Müll erkennbar am längeren Hebel. So sehr, dass alteingesessene Familien der Stadt den Rücken kehren und wegziehen.

 Napule...

 

Aus Neapel zurückgekehrt fing ich eher zufällig ein Buch zu lesen an von einem Autor, den ich erst seit kurzem kenne: Kurt Lanthaler. Tschonnie Tschenett, sein Held, der oft wie ein Antiheld daherkommt, Ex-Matrose und Ex-LKW-Fahrer  aus Südtirol, kommt nach Jahren in Saloniki ins chaotisch erscheinende Neapel oder - nach Napule, wie es die Einheimischen nennen. Lanthaler: "Es herrscht Vielstimmigkeit in Napule - dem Napoli der Napoletaner -; und diese Stimmen wollen Raum." Ich kann ihnen nicht den Raum geben aber Bilder, die ich sehe, als wäre ich an der Seite Tschenetts durch Napule geeilt und geirrt.

 

 Via Toledo #1

"Über die Via Toledo. Vor uns drei, vier, fünf schwarzafrikanische Straßenhändler, schwere staubgraue, ehemals weiße Tücher geschultert, Blick zurück, kommen die zwei Stadtpolizisten hinterher? Junge, adrett geuniformierte Menschen, den Schritt schnell genug, um den Illegalen auf den Fersen zu bleiben, gemächlich genug, um die Amtswürde nicht hopsend zu verlieren; und es reicht ihnen, sie von der noblen Via Toledo vertrieben zu haben." Ergänzend möchte ich schreiben, dass ich den Eindruck hatte, die Uniformierten fühlten sich nicht sonderlich wohl in ihrer Haut, ja fast so, als hätten sie Angst. Und "nobel" ist ein weiter Begriff.

 

Via Toledo #2

 

 Napoli - Ars Nova

 

 

 Es gibt wohl keinen italienischen Sänger, der nich wenigstens einmal in seinem Musikerleben auch Bella Napoli besungen hat. Tatsächlich lädt die Stadt am Fuße des Vesuv und am Golf gelegen mit den Trauminseln Capri und Ischia vor der Tür ein, in Töne gegossen zu werden. Auch wenn in der grandiosen Oper Wolf-Ferrari gespielt wird, die Stadt lebt mit der Musik, nicht nur den Geräuschen, die viel zu laut aus den offenen Fenstern vorbeifahrender Autos wummern und wimmern. Dort singt ein begabter Tenor Puccini und Verdii und hier, auf der Via Toledo musizieren vor der Station der Funicolare junge Musiker mit einer Inbrunst und Lebensfreude, die ansteckt. Ich fotografierte sie und vergaß, dem Maestro meine Karte zu geben. Einen Tag später traf ich sie an anderem Ort wieder und ich konnte das Versäumte nachholen, nicht ohne ausgiebeig mit den Musikanten, wie sie sich selbst nennen, geplaudert zu haben. Im Hotel angekommen, fand ich bereits eine Mail mit dem Wunsch, Bilder zu erhalten - in feinstem Deutsch.

 

Hier ist Ars Nova zu hören: http://www.youtube.com/watch?v=fQrIBC3eQvU&NR=1

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 Tutte le vie vanno a Cuma...

Die Grotte der Sibylle - ein Traum in Tuff gehauen. 

 

Es ist nicht weit entfernt von Neapel, das Ausgrabungsfeld von Cuma, direkt am Meer gelegen. Doch die Fahrt von etwa einer halben Stunde zeigt, das Bahnfahrten in Italien unvergleichlich sind - bunt fast wie in in Afrika...  

Goethe war begeistert....

 

So schreibt er jedenfalls 1787 nach Hause: " Man sage, erzähle, male, was man will, hier ist mehr als alles. Die Ufer, Buchten und Busen des Meeres... Ich verzieh es allen, die in Neapel von Sinnen kommen!" Man kann seine Begeisterung durchaus teilen, wenn man die Stadt mit all ihren bedrückenden Problemen im Rücken  hat und den Blick über den Golf vom Vesuv nach Westen bis Capri schweifen läßt. Ja es ist schön. Eine sehr gut gemachte Broschüre, die eher einem Kunstreiseführer gleicht, findet auf 159 Seiten viele Zitate bedeutender Zeitzeugen über Neapel und Kampanien. Die meisten Zeitzeugen sind allerdings noch im 19ten Jahrhundert oder sogar viel früher verstorben.

 Der beste Freund....

 

 

Der beste Freund des Menschen, so will es auch in Neapel scheinen, ist ein Tier. Dort, wo soziale Vereinsamung Menschen auf die Straße zwingt, scheint dies besonders häufig zu sein. Und es ist ein Phänomen, dass diese Tiere, vor allem Hunde, oft besser ernährt und gepflegt sind, als ihre Halter. Das auch in Neapel die Exkremente der Vierbeiner zu einem höchst ärgerlichen Übel werden können, ist nicht verwunderlich. Aber das fällt bei den Bergen menschlichen Abfalls kaum noch ins Gewicht.