Hamburgs Kultursenatorin Kisseler ist tot

Barbara Kisseler ist nicht mehr...

Hamburgs Kultursenatorin starb am vergangen Freitag


Es gibt Nachrufe, die schreiben sich wie Berichte aus großer Distanz über schwere Unglücke oder Naturkatastrophen - routiniert. Und manchmal müssen Worte gefunden werden zu einem Menschen, dessen Ableben man selbst zutiefst bedauert. Dann wird es richtig schwer auch für den routinierten Journalisten. So machte die Nachricht, dass Hamburgs Kultursenatorin, Professor Barbara Kisseler, vor wenigen Tagen den Kampf gegen eine seit langem bestehende Krankheit aufgeben musste, traurig und betroffen. Sie wurde nur 67 Jahre alt. Wer wusste, wie schwer die Senatorin erkrankt war, wunderte sich, dass sie noch bei der Vorstellung der Plaza in der Elbphilharmonie, ihrer größten aber nicht einzigen Baustelle, nach einem kurzen Schnack im Vorübergehen herzhaft lachen konnte,so als hingen keine schwarzen Wolken über ihr.


26. Juni 2015 Elbphilharmonie

Als der zum ersten Bürgermeister gewählte Sozialdemokrat Olaf Scholz im März 2011 die künftige Senatorin für Kultur der Presse vorstellte, konnte jeder spüren, dass es aus sein würde, mit einer von Langerweile geprägten Kulturpolitik. Sie verblüfte bereits zu Beginn der Pressekonferenz mit einem Zitat Machhiavells:

Nichts ist schwieriger zu handhaben, nichts gefährlicher durchzuführen und nichts von zweifelhafteren Erfolgsaussichten begleitet, als eine Neuordnung der Dinge“.

Nicht nur eine Realpolitikerin schien da im Anmarsch zu sein, sondern eine Seherin.

 02. März 2011 Hamburg. Vorstellung als Kultursenatorin

Und so verwunderte es nicht, dass sie auf die Frage, ob sie denn keine Angst habe vor den Problemen der ins finanzielle und bautechnische Chaos abstürzenden Bauruine Elbphilharmonie antwortete, sie stamme aus einer Familie von Bauunternehmern und wisse sehr wohl, wie man mit solchen Problemen umzugehen habe. Und sie hat es tatsächlich geschafft. Nachdem es bereits schien, als könne das Chaos zum Desaster werden, Bauherren, Architekten und Bauunternehmer derart zerstritten waren, dass ein Baustopp herrschte, nahm sie mit Kompetenz, Zähigkeit und wohl auch einer gehörigen Portion Charme die Zügel etwas fester in die Hand und siehe da, plötzlich ging was vorher eben nicht mehr gegangen war. Es wurde weiter gebaut, zielstrebig und mit einer neuen Höchstsumme an der Grenze zu einer Milliarde Euro. Dass Barbara Kisseler die in wenigen Monaten bevorstehende Eröffnung dieses Kolossalbaus nicht mehr mitfeiern darf, kann nur als wenig gelungener Streich eines äußerst übellaunigen Schicksals  bezeichnet werden.
 

Kultur bedeutete für Barbara Kisseler nie ausschließlich, die Interessen eines wie immer sich definierenden Bildungsbürgertums zu befriedigen, also Oper, Ballett, Schauspielhaus und Co. zu subventionieren. Das wäre der Senatorin zu einfach, zu scheuklappenkulturell gewesen. Sie schoss einhunderttausend Euro in das völlig neuartige, grandiose und aus dem Stand erfolgreiche Projekt des Elbjazz-Festivals – und fand persönlich noch zu später Stunde viel Gefallen an der Musik und dem Geist, der dieses Jazz-Festival umwehte.

27. Mai 2011 Hamburg "Elbjazz-Festival"

Ob es um einen Burgfrieden zwischen unkonventionellen Kunstschaffenden und Investoren im Gängeviertel oder um einen Grabstein für Salomon Heine auf dem bedeutsamen jüdischen Friedhof in Altona ging, ihr war gelebte oder wieder zu belebende Kultur in der Hansestadt wichtig unabhängig von ihrem tradierten oder auch nur vermeintlichen gesellschaftspolitischen Stellenwert.

07. April 2014 Jüdischer Friedhof in Altona

Selbstdarstellung war ihre Sache nicht. Sie wirkte auch ohne PR-Agentur -  Immer freundlich, bereit jeden Wunsch nach einem Interview zu erfüllen von wem er auch kam. Wo immer sie erschien, sie war blendend adjustiert und erschien bestens gelaunt. Sie versuchte vor allem inhaltlich zu überzeugen. Und wo das nicht gelang konnte sie auch durchaus streng sein, um nicht unwirsch zu schreiben. Weniger geschätzten Zeitgenossen konnte sie auf Pressekonferenzen zwischen den Zeilen mit wenigen feinformulierten Worten die Leviten so lesen, dass es nur dem besonders aufmerksamen und eingeweihten Zuhörer auffallen konnte.

 18. März 2015 Hamburg. Einweihung C.P.E. Bach-Museum

Barbara Kisseler war parteilos. Als sie in der Wahlnacht im Februar 2015 in der Kult-Kultur-Fabrik in Ottensen in erster Reihe stehend den Wahlsieg der Sozialdemokraten bejubelte, sah und fühlte man, wie nahe sie dieser Partei stand.

         

15. Februar 2015 Hamburg "Fabrik" Wahl zur Bürgerschaft

So ist es nur schlüssig und aufrichtig, wenn Olaf Scholz, Hamburgs Erster Bürgermeister schreibt:

 „Am Freitagnachmittag ist Barbara Kisseler nach schwerer Krankheit gestorben. Unsere Kultursenatorin hat bis zum Schluss dafür gekämpft, sich schon bald wieder mit voller Kraft für diese Stadt und ihre Kultur einsetzen zu können. Auch ich habe gehofft, dass sie diesen Kampf gewinnen wird. Dass es nun anders gekommen ist, macht nicht nur mich persönlich, sondern uns alle im Senat sehr traurig. Wir sind in Gedanken bei ihrem Mann und ihrer Familie. Die Freie und Hansestadt Hamburg und mit ihr die ganze Bundesrepublik verlieren eine herausragende Anwältin der Kultur. Wer in den letzten Jahren in unserem Land kulturell aktiv gewesen ist, ist früher oder später auf Barbara Kisseler getroffen. Ob in Düsseldorf, Hannover oder Berlin, als Lehrende an den Hochschulen in Potsdam und Zürich, an der Spitze des Deutschen Bühnenvereins oder hier bei uns in Hamburg – Barbara Kisseler hat mit Leidenschaft und Esprit Spuren hinterlassen und Orientierungsmarken gesetzt, die nachwirken werden. Alle, die mit ihr zu tun hatten, werden ihren Intellekt, ihre Zugewandtheit und ihren Humor vermissen. Wie gerne hätten wir im nächsten Jahr gemeinsam erst die Elbphilharmonie und dann das Festival ‚Theater der Welt‘ eröffnet … Sie wird fehlen.“

Dem ist nichts hinzuzufügen.

 

copyright Andreas Pawlouschek, nmms im Oktober 2016