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Gentrifizierung

Ein inzwischen eingedeutschter Begriff aus der Stadtsoziologie. Er beschreibt den Strukturwandel in den Städten, bei dem die ursprünglich sesshaften, meist sozial schwächeren Bewohnerschichten (englisch: "gentry" = niederer Adel) durch zuziehende, wohlhabende Gruppen ersetzt wird. Sie geht oft einher mit der auch äußerlichen Veränderung des Stadtbildes. Sichtbares Beispiel in Hamburg sind etwa die Viertel Ottensen, St. Pauli oder die berühmt-berüchtigte Sternschanze.

 

Hintergrund -Essohäuser

(nach Wikipedia)

Als Esso-Häuser wird ein Gebäudekomplex im Hamburger Stadtteil St. Pauli zwischen Spielbudenplatz, Taubenstraße und Kastanienallee bezeichnet. Es handelt sich um einen typischen - und heute eher als hässlich angesehenen - Plattenbau der 1960er-Jahre. Der Block besteht aus zwei achtstöckige Wohnhäuser mit 110 Wohnungen, einen zweigeschossigen Gewerbekomplex mit einem Hotel, Einzelhandelgeschäften und Clubs, zum großen Spielbudenplatz (Hamburgs zweitgrößtem Platz) hin, sowie Tiefgaragen und die Esso-Tankstelle Reeperbahn, nach der die gesamte Zeile benannt ist. 

Geschichte:

Auf dem Grundstück stand bis Juli 1943 das 1886 eröffnete dreigeschossige Theater Eden. Nach den Zerstörungen bei den Luftangriffen des Zweiten Weltkriegs blieb das Grundstück einige Jahre Trümmerfeld. 1958 gab der Eigentümer und spätere Tankstellenbetreiber die Planungen zur Neubebauung in Auftrag. Der Entwurf der Architekten wurde seinerzeit als "schlicht, funktional und imposant" gelobt. Die Baukosten beliefen sich auf sechs Millionen Mark. Das Richtfest fand am 4. Mai 1961 statt. Im Gebäudekomplex untergebrachte Clubs waren unter anderem Das Herz von St. Pauli, Hörsaal, Planet Pauli und das Molotow.

Der Komplex blieb bis 2009 im Familienbesitz, am 1. Mai 2009 verkauften die Eigentümer das 6190 Quadratmeter große Areal mit den jahrelang vernachlässigten und inzwischen baufälligen Häusern an die Bayerische Hausbau GmbH & Co. KG. Zuvor hatte das Unternehmen Boden-Untersuchungen durchgeführt. Nach eigenen Angaben plant die neue Eigentümerin nach dem ursprünglich für Juli 2014 angesetzten Abriss einen Neubau mit 5.000 Quadratmeter Gewerbefläche zur Reeperbahn hin und 19.500 Quadratmeter für je ein Drittel Eigentums-, Miet- und Sozialwohnungen. Die bei Bewohnern und Besuchern der Reeperbahn gleichermaßen beliebte Esso-Tankstelle  wurde Anfang Febbruar 2014 bereits abgerissen

Gegen die - so die Kritker - systematische Vernachlässigung der überwiegend eher von sozial schwachen Einzelpersonen und Familien bewohnten Wohnblocks entwickelte sich schon bald heftiger Widerstand und eine lautstarke "Initiative Esso‐Häuser", die seit 2010 für die Sanierung und den Erhalt der Häuser eintrat. Sie werfen dem ersten Besitzer und der Bayerischen Hausbau vor, die Gebäude beuwsst verkommen zu lassen, um auf dem heute fast unbezahlbaren riesigen Grundstück teure Wohnungen und Shoppingcenter bauen zu können

Nach zwei Treffen der Initiative Esso-Häuser mit dem neuen Eigentümer legte die Gesellschaft im Mai 2011 ein Gutachten vor, nach dem ein Abriss der Essohäuser unumgänglich sei. Die Bürgerinitiative gab daraufhin ein weiteres Gutachten in Auftrag, aus welchem hervorgeht, dass die Gebäude nicht zwingend abgerissen werden müssen. Im Jahr 2013 stellte die Bayerische Hausbau einen Abrissantrag, Kurz zuvor hatte das Bezirksamt Hamburg-Mitte ein neues Gutachten zu Gebäuden und Garagen beauftragt, bei dem exemplarisch von den 70 begutachteten Bauteilen aus Dach, Tiefgarage und Hülle nur ein einziges in Ordnung war.

Das durch die DR-Architekten vorgelegte Gutachten dokumentierte eine weit vorangeschrittene Schädigung der Stahlbetonkonstruktion und empfahl Maßnahmen zur Gewährleistung der Standsicherheit.[13] Neben einer Bewertung des Bauzustandes wurden auch die Kosten einer Sanierung den Kosten eines Neubaues gegenübergestellt. Das Gutachten der Stadt kam in vielen Punkten zu dem gleichem Ergebnis wie die drei bereits vorhandenen Gutachten. Während des Streites um den Abriss wurde die Wohnqualität durch fehlende Instandhaltung weiter drastisch eingeschränkt. So wurde den Mietern im Februar 2013 die Nutzung der Balkone vom Bezirksamt untersagt und im Juni 2013 die Tiefgarage gesperrt, da laut Gutachten die Stahlbetonkonstruktion im Inneren durch Zersetzung so stark beschädigt sei, dass Einsturzgefahr für die Tiefgarage und die daraufstehenden Gebäude nicht ausgeschlossen werden könne.

Die Proteste gingen weiter, doch am 15. Dezember 2013 kam dann das "Aus" für die Essohäuser. Mitten in der Nacht wurden sämtliche Wohnungen geräumt, weil das Gebäude angeblich Einsturz-gefährdet sei. Nicht wenige Bewohner bezweifelten diese Erklärungen durch die Bezirksverwaltung. Die Wohnungen wurden evakuiert, Tage später wurde das Mobiliar entfernt, die Haustiere im größten Tierheim Hamburgs untergebracht. Anfang März 2014 sollen die Essohäuser nun endgültig abgerissen werden. Die meisten Bewohner leben seither in Hotels oder Pensionen über die ganze Stadt verteilt. Etwa zwei Drittel der betroffenen hat inzwischen eine neue Bleibe gefunden.

CF

Demonstration - St. Paulis Esso-Häuser vor Abriss

Demonstrationen gegen Abriss der "Esso-Häuser"

 St. Pauli verliert sein hässliches Wahrzeichen

von Christian Fürst, nmms 

In anderen Städten wäre man vermutlich froh, wenn sie ein solches Gebäude loswerden könnten. Doch nicht so auf St. Pauli. Der geplante Abriss der sogenannten Essohäuser an der Reeperbahn hat hier seit dem Jahresende 2013 wiederholt zu großen Demonstrationen geführt. Die Bewohner des berühmt-berüchtigten Stadtteils fürchten zu Recht, dass die an Stelle der hässlichen Plattenbauten aus den frühen 1960er Jahren geplanten Wohneinheiten und Einkaufs- und Büroanlagen die bereits eingeleitete Gentrifizierung St. Paulis beschleunigen könnten. Doch langsam erlahmt der Widerstand gegen die von Hamburgs Stadtoberen gut geheißene und sogar geförderte neue Wohnanlage entlang der Reeperbahn. Eine Demonstration am 15. Februar lockte nicht mehr als 200 Bau-Gegner an. Die Reeperbahn, Hamburgs sündige Meile, dürfte also in den nächsten Jahren ein neues Gesicht bekommen. Der auch in anderen, traditionell eher sozial schwachen oder stark durchmischten Stadtteilen weit fortgeschrittene Prozess der sozialen "Umgestaltung" (die "Vertreibung" der ursprünglichen Bewohner durch kapital-kräftigere neue Mieter und Wohnungskäufer) wird damit auch St. Pauli verändern. Anfang März sollen die völlig heruntergekommenen Wohnhäuser und die Geschäftszeile entlang dem "Spielbudenplatz" abgerissen werden. An ihre Stelle wird dann vermutlich ein Komplex aus Glas und Beton stehen. Wird die "sündige Meile, die kleinen und großen Sex-Shops, Kneipen und Restaurants dann in die Nebenstraßen verdrängt?

Ob hier tatsächlich Einsturzgefahr herrscht? Viele der Kritiker bezweifeln es und werfen dem Hauseigentümer, der "Bayerischen Hausbau GmbH, und der Stadt Hamburg vor, die Gebäude mit ihren 110 preiswerten Wohnungen bewusst bis zur Baufälligkeit verkommen gelassen zu haben. Der Stadt wurde in diesem Zusammenhang Kumpanei mit den Wohnungsmarkt-Spekulanten vorgeworfen, als sie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die Gebäude vor Weihnachten 2013 räumen ließen. 

 

Zukunftsperspektiven für die sündige Meile Hamburgs? Moderne Glasfassaden und Stahlkonstruktionen eines gigantischen Wohn- und Bürokomplexes könnten Sinnbild für die galoppierende Gentrifizierung (Strukturwandel) St. Paulis werden. Im Spiegelbild sieht man die andere Seite der Reeperbahn mit Wohn- und Verwaltungsgebäuden aus den 1960er Jahren im Hintergrund. 

 

"Die Stadt muss jetzt handeln"

 

Das umzäunte und bewachte Gelände, auf dem die Essohäuser stehen , wird seit Wochen von engagierten Ex-Bewohnern bewacht. Dass es letztlich aber zum Abriss kommen wird, wird auch von ihnen nicht bezweifelt. 

 

Ehemalige Mieterinnen aus den Essohäusern. Immerhin Zweidrittel der Bewohner haben nach ihren Angaben eine neue Wohnung gefunden. Viele kämpfen noch immer um Schadenersatz für das Mobiliar, das sie in ihren baufälligen Wohnungen zurücklassen mussten.

 

"Kunst am Bauzaun"??? Auf der Mütze steht groß und breit "Beuys". Zusammen mit anderen Künstlern versuchte er am Samstag (15. Februar), den Bauzaun zum Kunstobjekt umzufunktionieren, der die gegner des Abrisses am Betreten des Geländes hindern soll. Für die Kritiker ein weiteres Beispiel für die Behördenwillkür, die hinter dem ganzen, umstrittenen Projekt steht.